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Spiel ohne Grenzen, Oytal/Allgäu


Januar 2002

Wochenlang eiskalt. Zwei Wochen geistert mir nun schon die Idee im Kopf herum. Alleingang im Oytal - „Spiel ohne Grenzen“ -ein gefrorener Wasserfall in bestem Zustand-vier Seillängen-senkrechtes Leben.

Vor zwei Wochen kletterte ich mit Markus und Wolfgang „Spiel ohne Grenzen“ im Oytal oberhalb der Gutenalp. Es waren erstklassige Eisverhältnisse und machte wahnsinnig Spaß.

Nach dem Abseilen am Wandfuß bei einer Zigarette kam mir erstmals der Gedanke diesen schönen Wasserfall allein zu klettern. Nun ist allein der Gedanke noch nicht die Tat und bis zur Tat ist es bei mir ein wohlüberlegter Weg.

16.Januar 2002 22 Uhr

Bei einem Glas Rotwein – im Kamin knistert das Feuerholz, das Thermometer zeigt draußen Minus 15 Grad – sitze ich am Küchentisch und plane im Detail. Als normal Sterblicher gehe ich gewöhnlicher Arbeit nach und zur Zeit steht bei mir ein großes Projekt auf dem Plan.

Die Folge ist, ich kann meinem Chef nicht einfach sagen ,ich brauch einen Tag frei zum klettern. So muss ich eine Frühschicht einlegen, was mir einmal, von einer Idee begeistert, nicht schwer fällt. Peter, meinem Chef, sag ich nur...“am Freitag kann es mal etwas später werden“...

Mein Plan steht fest:

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5.40 Uhr Oytalhaus

6.30 Uhr Wasserfall

9.30 Uhr Zurück

10.00 Uhr Oytalhaus

11.00­ Uhr Bosch

 

18.Januar 2002

Alles läuft nach Plan. Nur hab ich mich mit dem Sonnenaufgang leicht verschätzt. Ich sitze viel zu früh-kurz nach 6 Uhr- in der Gufl am Einstieg des Wasserfalls. Langsam wird mir kalt, es sind mindestens 15 Grad miese und ich starte doch mit Stirnlampe, was ich eigentlich nicht wollte. ­Aber die Tikka von Petzl gibt ihr Bestes. So nehme ich mein Zeug –zwei Eisschrauben, Zwillingsseil und Abseilachter zum Abseilen – und steige ein.

Wie bei einem normalen Vorstieg ziehe ich die Seile zum Abseilen hinter mir her. Aber ein seltsames Gefühl ist dabei. Diesmal brauch ich nämlich keine Eisschraube zum Sichern in das Eis zu setzen, da ich free solo klettere. Vollste Konzentration ist angesagt, da jeder Schlag mit den Eisgeräten sitzen muss.

Die feinen Haarrisse beim Einschlagen der Eisgeräte kann ich in dem Licht der Stirnlampe nicht erkennen, ganz zu schweigen vom Platzieren der Steigeisen, welches das größte Problem ist.

Es ist mehr eine Gefühlssache, ob ich richtig stehe. Aber meine Psyche ist bestens und ich klettere sicher. Nach den ersten 45 Metern am Standplatz kann ich die Tikka ausschalten. Bei Tageslicht geht es viel besser. Ich kann die Einschläge meiner Eisgeräte und vor allem die der Steigeisen besser einschätzen und ich klettere nun im Gleichgewicht von Kraft und Psyche.

Trotz meiner sorgfältigen Seilführung ziehe ich plötzlich einen Seilfitz hinter mir her, welcher sich, wie zu erwarten, an dem Eiszapfen verhängt. Mit einer Hand versuche ich das Seil frei zu bekommen, aber es hilft nichts, ich muss eine Eisschraube setzen und mich 20 Meter ablassen.

Ich schlage die Eiszapfen ab, sortiere die Seile neu und klettere wieder hoch. Nach 55 Metern bin ich am Wandbuch und lege die Seile sorgfältig auf den Absatz – nicht das mir noch mal ein solches Malheur passiert...


Wieder bin ich an einem Punkt wo starke Nerven gefragt sind.Ich könnte mich ins Buch eintragen und abseilen, aber das will ich nicht. Im Gegenteil-allein hier oben zu sein-allein die Entscheidung zu treffen, weiter zu klettern, oder nicht - allein mein Können - allein meine Psyche, bestärken mich.

Ich trete hinaus, schlage mein Eisgerät in die senkrechte Eissäule - 200 Meter Luft unterm Hintern – und klettere weiter.

Jede Bewegung ist präzise und es gibt kein Nachschlagen mit den Eisgeräten. Die Steigeisen setze ich dort, wo sie für die nächste Bewegung sitzen müssen. Kein einziges Mal schlage ich mir die Finger am Eis an, was normal schon ab und zu vorkommt. Nach 30 Metern komme ich doch mal kurz ins Stocken. Irgendwie habe ich auf einmal Seilzug und denke schon, das Seil hat sich wieder verhängt. Aber ich muss nur 3 Meter zurückklettern und das Seil läuft wieder einwandfrei nach. Was war? Keine Ahnung. Ich steige nach Plan - 9 Uhr- oben zur Latschenkiefer, wo die Abseilstelle ist, aus. Drei Gämse glotzen mich noch etwas ungläubig an. Ich erzähl ihnen, was ich gerade gemacht habe und seile ab. Unterwegs trage ich mich noch ins Wandbuch ein und bin 20 Minuten später wieder bei meinem Rucksack.

Um 10 Uhr bin ich wieder am Oytalhaus und der nette Wirt ermahnt mich, ich sollte mich nun doch endlich mal um eine Fahrgenehmigung bemühen. Ich bedanke mich für sein Verständnis und fahre bestgelaunt Richtung Immenstadt.

Um 11 Uhr macht die Stempeluhr beim Bosch „klick“ und ich bin wieder im Alltag..



Rainer Treppte

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