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Patagonien 1998

„The End of World“ Rio Gallegos

 

9. Januar 1998

Nach endlos langem Flug von Frankfurt über Dallas, Miami und Buenos Aires stehen wir im trostlosen Flughafen von Rio Gallegos mit einem Riesigen Berg an Ausrüstung. Wir: Gunter, Michel und ich voller Vorfreude und Zuversicht, sind auf dem Weg meiner Träume der letzten Monate. Ganz anders vier Italiener, für die gerade alles zu Ende ist, sie erzählen uns vom, schlechtem Wetter, Sturm, Chaos und von 20 Tagen nur 2 Tage gut. Aber unser Ziel steht fest. Trotz aller Weissagungen von verbranntem Geld im Kühlschrank, und vertaner Zeit in der man so viel klettern könnte.

 

10. Januar 1998

Nach einem überdimensionalen Einkauf im Supermarkt, geht es in der Nacht -3.00 Uhr- weiter nach El Calafate, wo wir uns noch einen Tag Zeit nehmen, um restliche Dinge einzukaufen. Es regnet, wir nehmen ein Zimmer und schlafen uns richtig aus.

11. Januar 1998

Bei bestem Wetter sind wir 12.00 Uhr in El Chalten. Schon während der Fahrt mit dem Bus zeigt er sich, unser Traumberg. Wie Japaner müssen wir immer wieder zum Foto greifen, verunsichert von dem Geschichten über wochenlang schlechtes Wetter. Nun geht alles sehr schnell, auf vier Pferden muss Marcelo unser Gaucho, das Gepäck verteilen. Er ist ein lustiger Typ, mit roter Baskenmütze, einem langen Dolch am Gürtel und Sporen an den Füßen und hat einen Schluck Wein zur Hand. Ein kurzer Gruß, dass wir uns am Rio Blanco sehen und schon ist er mit unserem Gepäck weg. Noch von deutscher Hektik getrieben, laufen wir hinterher und genießen den Blick auf den Fitz Roy, Poincenot und Saint Exupery. Rio Blanco Base Camp, ein Schild weist auf„only Climbers“ ein Privileg, was es sicher nur selten auf der Wlt gibt. Hier sind wir nun, mit eineigen Glücksrittern von Patagonien: Michael und Jens aus Freital,Herbert und Sigi aus Australien, Paolo, Miguele und Carlo aus Bella Italia, Bernd, Kurt und Egbert aus Deutschland. Bart und David aus Belgien, wir drei und noch ein paar mehr Agentinier, Chilenen und Brasilianer.

 

2.Januar 1998

Unser erstes Etappenziel „PASO SUPERIOR“

Das erste mal sehen wir unseren Traum vollständig vor uns „ROYAL FLUSH“ 1300m Granit, Verschneidungen, Risse senkrecht und überhängend, eröffnet von Bernd Arnold, Kurt Albert, Jörg Gerschel und Lutz Richter im Januar 1995. Schon sehen wir uns im Biwak nach dem ersten Drittel der Wand, aber bis dahin sollen noch einige Tage vergehen. Heute müssen wir noch unsere private Schneehöhle graben, was uns ziemlich verzweifeln lässt. Nach einem Meter wird der Schnee so hart, dass wir die Eisgeräte zu Hilfe nehmen müssen. Nach 3 Stunden haben wir ein lächerliches Loch gebuddelt, wo wir gerade mal nebeneinander sitzen können. Für heute ist Schluss mit der Schufterei. Sturmwolken ziehen auf und wir hauen ab.

 

13. Januar 1998

Base Camp, Rio Blanco. Patagonien zeigt sich in seinem wahren Gesicht, Sturmböen gegen D-Zügen gleich durchs kleine Wäldchen. Mittags fängt es an zu regnen und unsere Aktivitäten beschränken sich auf Brot backen, kochen, essen und schlafen.

 

17. Januar 1998

„PASO SUPERIOR“. Der Fehler, unsere kleine Höle nicht mit einem Seil zu kennzeichnen, lässt uns fast verzweifeln. Wir können nicht glauben was ein Meter Neuschnee verdeckt. Später können wir zwischen drei Eingängen wählen und haben zwei Etagen. Irgendwann können wir unser Zelt in der Höhle austellen, was sich später erst als großer Vorteil erweist. Das Wetter ist patagonisch, und wir freuen uns beim Abstieg aufs Rio Blanco Camp.

 

21. Januar 1998

Patagonien hält uns wieder mal zum Narren und nach bestem Wetter gestern, stapfen wir bei leichtem Schneefall und Neben in Richtung Ostwand vom Fitz Roy. Mit einem Teil unserer Fixseile und Kletterausrüstung, beladen wie die Esel, sind wir froh, überhaupt den Einstieg von Royal Flush zu finden. Wir werfen unseren Anker (Haulbag) und sind wie Rennfperde unterwegs in Richtung Gemütlichkeit am Rio Blanco.

 

24. Januar 1998

Endlich sieht das Wetter wieder mal gut aus und wir können klettern. Unsere Taktik haben wir fest gelegt. Heute klettert Gunter, ich „jümare“ nach und Michl plagt sich mit unserem Haulbag, was der übelste Job ist. Neun Seillängen können wir fixieren und unseren größten Friend platzieren. Dem Fitz scheint es aber nicht zu gefallen und so zieht er sich für die nächsten Tage in Sturm und Schneefall zurück.

 

31. Januar 1998

Sieben Tage schlechtes Wetter und wir trauen unseren Augen kaum. Irgendwie muss unser Haulbag in der neunten Länge angeschwollen sein. Selbst ohne Brille kann ich ihn sehen „ER“ hat eine Breite von 2 m und ist 5 m lang. Die nächsten zwei Tage können wir nur von unten zusehen, wie der Fitz sich vom Eis befreit, es kracht ununterbrochen, es wäre Selbstmord einzusteigen. Bestes Wetter, und wir sonnen uns am PASO SUPERIOR.

 

2. Februar 1998

Zwei Tage später: Endlich klettern wir wieder.

Leider sind die Risse noch zu sehr vereist, und wo kein Eis ist, ist Schmelzwasser. Wir entscheiden uns für Abseilen, der Haulbag ist am Biwakplatz nach der 16. Seillänge, wir sind ganz zufrieden. Der Wand und uns wollen wir noch einen Tag Ruhe schenken, das Wetter sieht gut aus, unser Fahrplan, nachmittags ins Biwak „jümarn“ am nächsten Tag zum Gipfel und zurück ins Biwak, am 3. Tag Fixseile abbauen und runter zur Gemütlichkeit im Rio Blanco Camp, müsste klappen.

 

4. Februar

Der Fahrplan hat gestimmt, nur das Wetter nicht. Wir steigen trotzdem ein. Heute bin ich dran mit klettern. Die Risse nach dem Biwakplatz sind so stark vereist, dass es schwierig ist Friends unterzubringen. Ich werde langsam warm und trotz Eis und Nässe macht das Rissklettern Spaß. Die 18 Länge, 40m überhängende Verschneidung, freier Blick bis zum Gletscher 500m tiefer meine Welt. Es schneit leicht und nach der 19. Länge seilen wir ab. Wir sind zufrieden alle Fixseile sind dort, wo sie sein sollen. AM PASO SUPERIOR regnet es und wir flüchten ins Rio Blanco Camp.

 

9. Februar 1998

Es ist soweit der Höhenmesser kündigt seit zwei Tagen ein Hoch an und der Wind, was das Wichtigste ist, existiert fast nicht mehr.Nachmittags halb vier sind wir unter der Wand und „jümaren“ ins Biwak. Das Steigen an den Fixseilen ist für mich das Schlimmste, und ich bin immer total am Ende. Eine sternenklare warme Nacht kündigt sich an. Bei Vollmond, zu dritt nebeneinander, hat jeder sein Problem, Michl rutscht ständig abwärts. Gunter in der Mitte kann sich nicht für eine Seite entscheiden, mir wird der Kopf so schwer, dass ich ihm im Riemen der Fototasche einhänge. Leider habe ich schon nach einer halben Stunde Gesichtslähmung und muss mich aus meiner narkotisierenden Haltung befreien.

10. Februar 1998

Irgendwann ist es dann soweit, meine zwei Freunde haben Dienst und nach den Haferflocken und Tee müssen sie los. Ich habe noch etwas Zeit als dritter und übernehme das Filmen für die nächsten Seillängen. Mit den ersten Sonnenstrahlen beginnen wir zu klettern, unsere Taktik bewährt sich wieder und wir kommen gut voran. Der dreier push, die 23 Länge, 5 11d, die Sonne scheint wir sind happy. Nach ein paar Seillangen wird der Vorsteiger gewechselt.Ich bin dran und kann mich in den Verschneidungen und Rissen austoben. Bei den immer noch vereisten Rissen muss oft in die Trickkiste gegriffen werden. Endlich im Herz dem markanten Felsausbruch, nach dem unsere Route mit der Route vom Ochsner und Pitelka „El Corazon“ zusammentritt. Wir sind im Kletterhummel.Noch einmal wird die Führung gewechselt Michl führt und am „SWISS EDGE“ lassen wir einen Rucksack zurück und gehen nur mit Sturmgepäck weiter. Die 9 Seillängen bis zum Gipfel von Ochsner und Pitelka, locker mit „teilweise 5,9“ angeben, sind nicht zu unterschätzen. Ein 30m langer vereister Kamin lässt Michl trotz heftiger Allgäuer Schimpfwörter fast verzweifeln. Aber immer findet er einen „OCHSNER STAND“ und um 19:30 Uhr stehen wir als erste dieses Jahres auf dem Fitz Roy. Lustige Sachen, ein Hufeisen und eine Plastiktüte finden wir am Gipfel. Wir halten uns nicht lange auf und seilen uns 800 m tiefer ins Biwak ab.

11. Februar 1998:

Gegen 2:00 Uhr sind wir in unseren Schlafsäcken. Nach einer kurzen Nacht müssen wir noch mal ein paar Seillängen hoch, da sich unser Seil beim Abseilen verklemmt hat, dann geht’s abwärts. Die Fixseile werden abgebaut und unserer Haulbag ist so schwer, dass wir ihn ins Seil binden und wie einen Schlitten über den Gletscher ziehen. Im Rio Blanco Camp freuen sich alle mit uns. Nun ist auch die Zeit für Argentinierroute gekommen. Crazy Jens und Jack sind am 13. Februar auf dem Gipfel, die Slowenen Monika und Klemen und Alexander mit Bastian zwei tage später. Schade, dass die Zeit für Miguele, Paolo und Carlo, Eberhart, Sigi und Michael nicht gereicht hat. Sie mussten noch vor der Schönwetterperiode heim. Auch Bernd, Kurt und Egbert konnten nicht bei schönem Wetter in die neue Route „EL CONDIORITO“ am Saint Exupery klettern. Bei schlechtem Wetter und schwierigen Verhältnissen in der Wand haben die drei eine Neutour vom Feinsten eröffnet. Ihren Erzählungen können wir nicht widerstehen. Ausgeruht und motiviert durch Superwetter, wollen wir die erste Wiederholung versuchen. Ich zeichne mir Bernds Topo ab und Kurt gibt noch ein paar Schwierigkeitsangaben dazu.

17. Februar 1998

Mit Crazy Jens gehe ich her bestem Wetter zum El Condorito, die besten Tips von Bernd, Kurt und Egbert in der Tasche.

 

18. Februar 1998

5.30 Uhr sind wir unter der Wand und müssen warten. Um den Einstieg zu finden brauchen wir etwas mehr Licht. Eine Stunde später stehen wir am ersten Stand. Ein Risssystem durch senkrechten 500m hohen Granit zieht sich nach oben. Perfekt eingerichtet, mit Bohrhaken der edelsten Art und Abseilkarabinern an jedem Stand. Anspruchsvolle Risskletterei in acht Seillängen, ich bin schon wieder im Kletterhimmel. Ab der 10. Länge ist Crazy dran und ich spanne aus. 17.00 Uhr wir sind auf der Schulter. Die 7 Längen zum Gipfel gehen wir mit Handgepäck. 19.15 Uhr sitzen wir auf dem Saint Exupery. Es ist fast windstill und so warm, dass man im Pulli den Abend genießen kann. Die super eingerichteten Abseilstellen von EL CONDORITO lassen uns in gut zwei Stunden wieder unten auf dem Gletscher stehen. An dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an Bernd, Kurt und Egbert für eine meiner schönsten Klettertouren. Nach unserer Wiederholung, klettern Gunter und Bart am 21. Februar noch „EL Condorito“ und sind beide voll begeistert von ihrer 3.Begehung. Durch unser Schwärmen von dem „kleinen Condor2 findet mein Topo noch einige Interessenten im Rio Blanco Camp. Mit ziemlicher Sicherheit dürfte diese Route eine der beliebtesten im Fitz Roy Gebiet werden. Die Vorteile liegen klar auf der Hand und sind kaum in anderen Routen zu finden.

 

21. Februar 1998

RIO BLANCO 18.00 Uhr. Ich liege hier im Schatten und schreibe diese Zeilen. Das Wetter ist nun schon seit dem 8. so gar nicht patagonisch. Kein Wind, keine Wolke, nur immer Sonne. Das Camp ist wie ausgestorben, ausgestorben, außer meinen Freunden David, Bart aus Belgien, Cracy Jens, Gunter aus Dresden und ein paar versprengten Argentiniern ist niemand mehr da. Übermorgen ist unsere Zeit auch abgelaufen, Marcelo Noble wird unsere Sachen mit seinen Pferden holen und auf geht’s nach Hause. Nur eine Frage spukt mir im Kopf herum, „Was ist mein nächstes großes Ziel?“ Alaska? Nepal? Karakorum? PATAGONIEN?



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